Ministerpräsident Rutte bei Eröffnung der Vermeer Ausstellung in Dresden

Am Donnerstag, den 9. September 2021, nahm Ministerpräsident Rutte gemeinsam mit Bundeskanzlerin Merkel und dem sächsischen Ministerpräsidenten Kretschmer an der Eröffnung der Vermeer-Ausstellung in der Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden teil. 

Wie 2 Schwestern hängen das Dresdner Brieflesende Mädchen am offenen Fenster und das Brieflesende Mädchen in Blau aus dem Rijksmuseum nun endlich beieinander in der Ausstellung Johannes Vermeer: Vom Innehalten. Dass die Ausstellung von Bundeskanzlerin Merkel und Ministerpräsident Rutte gemeinsam eröffnet wird, betont wie wichtig ihnen der rege kulturelle Austausch zwischen den beiden Ländern ist.

©Niederländische Botschaft

Rede von Ministerpräsident Mark Rutte

Rede des niederländischen Ministerpräsidenten Mark Rutte bei der Eröffnung der Vermeer-Ausstellung in der Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden, 9. September 2021.

Frau Professor Ackermann,
Herr Ministerpräsident,
Frau Bundeskanzlerin, liebe Angela,
Herr Dr. Koja,
Frau Dr. Neidhardt,
meine sehr verehrten Damen und Herren!

Erst im Februar letzten Jahres durfte ich einen Steinwurf von hier entfernt dem Festakt zur Wiedereröffnung der Gemäldegalerie Alte Meister beiwohnen. 
Ein ganz besonderes Ereignis. 
Vor allem auch ein Ereignis, das deutlich gemacht hat, wie eng Deutschland und die Niederlande auch durch Kunst und Kultur miteinander verbunden sind.

Heute, nur anderthalb Jahre später, bin ich wieder hier in Dresden. 
Ich konnte die Einladung zur Eröffnung dieser großartigen Vermeer-Ausstellung einfach nicht ausschlagen. 
Erstens, weil man mit etwas Phantasie sagen kann, dass Johannes Vermeer mein Nachbar ist. 
Ich brauche nämlich von meinem Büro aus nur ein paar Schritte zu gehen, und schon stehe ich im berühmten Museum Mauritshuis, Auge in Auge mit Vermeers weltbekanntem »Mädchen mit dem Perlenohrgehänge«. 
Oder ich lasse mich entführen ins Delft des 17. 
Jahrhunderts, wie es Vermeer so wunderbar dargestellt hat. 
Sie werden verstehen, dass dieser holländische Meister mir besonders am Herzen liegt.

Der zweite Grund, warum ich gern gekommen bin: Bundeskanzlerin Merkel persönlich hat mich eingeladen, heute bei dieser Eröffnung gemeinsam zu Gast zu sein bei Ministerpräsident Kretschmer. 
Und wie könnte ich ihr absagen? 
Angela, als du Bundeskanzlerin wurdest, war ich noch ein junger und unerfahrener Staatssekretär. 
Viele Jahre später wurde ich dann Ministerpräsident, und ich habe unsere Zusammenarbeit ab dem ersten Moment als angenehm, freundschaftlich und konstruktiv empfunden.
Das hat zu tun mit der Art, wie du die Dinge angehst.
Große, schier unlösbar erscheinende Probleme in kleine, überschaubare Probleme zerlegen und diese dann nacheinander lösen.
Dein Motto »Schritt für Schritt« ist bei uns inzwischen zu einem geflügelten Wort geworden.
Auch ich benutze es gelegentlich.
Eine weitere, vielleicht noch wichtigere Erklärung ist Deine Persönlichkeit.
Auf dem europäischen Parkett erlebe ich immer wieder aus nächster Nähe, was du alles erreichst mit jener Kombination aus Herzlichkeit im persönlichen Umgang, Interesse für die Menschen um dich herum und souveränem Sachverstand.
Die präzise Kenntnis der Materie verleiht dir eine natürliche Autorität.
Wenn du im Europäischen Rat das Wort ergreifst, kann man eine Stecknadel fallen hören.
Du sprichst nicht mit erhobener Stimme, wohl aber mit großer Überzeugungskraft.
Du bist immer zur Stelle, wenn es darauf ankommt, hast kreative Lösungen parat und lehnst dich auch mal weit aus dem Fenster.
Wenn es um Europa geht, handelst du stets nach der Maxime: Ich kann es nicht allein, niemand von uns kann es allein, wir schaffen es nur gemeinsam.
Und damit hast du Europa in entscheidenden Momenten auf Kurs gehalten.
Angela, ich weiß, du magst keine Lobeshymnen, aber das musste heute einmal gesagt werden. 
Und es ist für mich eine Ehre und eine große Freude, heute hier gemeinsam mit dir der Eröffnung dieser Ausstellung beizuwohnen. 

Meine Damen und Herren, ich sagte es bereits, mein letzter Besuch in der Gemäldegalerie Alte Meister liegt erst anderthalb Jahre zurück, auch damals zu Gast bei Ministerpräsident Kretschmer. 
Aber wenn ich heute daran denke, kommt es mir fast vor wie eine Reise in eine andere Zeit. 
Abstandsregeln und strenge Hygienemaßnahmen waren damals noch kein Thema. 
Dass wir schon kurz danach gezwungen waren, die europäischen Binnengrenzen zu schließen, war für alle, deren Herz für Europa schlägt, sehr schmerzlich. 
Und dass wir im Interesse der öffentlichen Gesundheit auf ein Stück unserer persönlichen Bewegungsfreiheit verzichten mussten, war schwierig, ja bis dahin eigentlich undenkbar, aber es war notwendig. 

Die Pandemie hat uns aber auch vor Augen geführt, wie eng wir global miteinander verbunden sind und wie sehr wir eine Schicksalsgemeinschaft bilden. 
Und nicht zuletzt, wie wichtig Zusammenarbeit in Zeiten großer Krisen ist. 
Im europäischen Rahmen, aber natürlich auch unter direkten Nachbarn. 
Trotz aller notwendigen Beschränkungen haben wir die Gesprächskanäle über die deutsch-niederländische Grenze hinweg die ganze Zeit offen gehalten. 
Und im Juli ist es uns sogar gelungen, einen sehr erfolgreichen Staatsbesuch unseres Königspaares zu organisieren. 
Er bildete den Abschluss einer Reihe von Arbeitsbesuchen, darunter auch hier in Sachsen im Jahr 2017.
Darüber bin ich sehr froh.

Gerade an einem Tag wie heute wird uns bewusst, dass Kunst und Kultur immer und überall Brücken schlagen können, auch in Zeiten geschlossener Grenzen und sonstiger Einschränkungen. 
Es ist großartig, dass es gelungen ist, hochkarätige Werke Vermeers etwa aus London, Washington und aus dem Rijksmuseum in Amsterdam hier in Dresden zusammenzuführen. 
Und so wünsche ich mir, dass die Umstände es zulassen, dass Besucher aus der ganzen Welt die vereinten Vermeers in dieser wunderbaren Stadt besichtigen können.

Die Eröffnung dieser Ausstellung mit ihrer internationalen Ausstrahlung markiert einen Neubeginn. 
Langsam, aber sicher lichtet sich der schwere Schleier, den die Coronapandemie auf unsere Gesellschaft gelegt hat. 
Und so hat die einzigartige Restaurierung von Vermeers »Brieflesendem Mädchen am offenen Fenster« hohe Symbolkraft. 
Das Werk wurde befreit von den Verschmutzungen, Übermalungen und Firnisschichten vergangener Jahrhunderte und erstrahlt nun wieder in seiner alten Farbenpracht – ganz so, wie es einst Vermeers Atelier verließ. 
Für diese Leistung von Weltformat möchte ich Ihnen heute ein großes Kompliment machen.
Nicht zuletzt als Vermeers Nachbar. 

Ich danke Ihnen.