Kapitel 10: Prinzessin Henriette Catharina von Oranien, Gräfin von Nassau und Johann Georg II., Fürst von Anhalt-Dessau

Einflussreiche Landesherrin

Wie ihre beiden älteren Schwestern Less und Albertine (Kapitel 8 bzw. 9) war Henriette (1637-1708) nach ihrer Eheschließung im Jahr 1659 außerordentlich geschäftig. Ihre neue Heimat Anhalt, das Fürstentum ihres Mannes, war nach dem verheerenden Dreißigjährigen Krieg verarmt und ruiniert.

Der Wiederaufbau war somit die vordringlichste Aufgabe. Henriette legte großes Engagement an den Tag und trieb die Entwicklung von Handel, Landwirtschaft und Viehzucht sowie den Straßen- und Deichbau energisch voran. Auf all diesen Gebieten verfügten die Niederländer über großes Können, und so holte Henriette viele fachkundige Landsleute nach Anhalt. Die Republik der Vereinigten Niederlande erlebte in dieser Zeit eine einzigartige politische, wirtschaftliche und kulturelle Blüte – das sog. Goldene Jahrhundert –, weshalb sie überall in Europa als Vorbild angesehen und beneidet wurde. Auch Kunst und Kultur förderte Henriette, indem sie zahlreiche Handwerker und Künstler aus den Niederlanden in Dienst nahm, unter anderem für den Bau ihres hinreißenden Schlosses Oranienbaum. Durch ihre Geschäftigkeit prägten Henriette und ihre Schwestern die kulturelle, gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung ihrer Fürstentümer und sorgten damit – was durchaus bemerkenswert ist – für einen regelrechten Kulturtransfer von einer Republik in jene kleinen Monarchien.

Henriettes Gemahl Johann Georg von Anhalt (1627–1693) kannte die Republik. Vor seiner Heirat hatte er sich dort im Zuge seiner Ausbildung aufgehalten, und seine Mutter hatte sogar einen Teil ihrer Erziehung am Haager Oranierhof genossen. Johann Georg und Henriette pflegten enge Beziehungen zu ihrem Schwager, dem Kurfürsten von Brandenburg, und dessen Frau Less; das Paar hielt sich regelmäßig in Berlin auf. Das ließ sich leicht einrichten, denn Anhalt und Brandenburg, beides protestantische Fürstentümer, grenzten aneinander; zudem stand Johann Georg als Feldmarschall in Diensten seines Schwagers.

Die Fürstin legte die Hände keineswegs in den Schoß, wenn ihr Gemahl – wie so oft – auf Reisen war. Sie hatte klare Vorstellungen davon, wie sie ihr Schloss Oranienbaum gestalten wollte. So ließ sie sich ein eigenes Porzellankabinett einrichten, in dem sie ihre wertvolle Sammlung zur Schau stellte. Aber sie benutzte ihr Porzellan auch zum Trinken von Tee, Kaffee und Schokolade. Diese neuen Kolonialgetränke waren schwer erhältlich und entsprechend teuer, sehr gefragt und somit ein Statussymbol. Henriette ließ sich sogar teetrinkend malen.

Die Wände ihres Porzellankabinetts ließ sie mit einer Goldledertapete bespannen, die teuerste und prachtvollste Wandbekleidung der damaligen Zeit. Selbstverständlich bezog sie das Goldleder aus Holland, denn holländisches Goldleder war überaus begehrt. Henriettes spektakuläres Goldlederensemble wurde vor einigen Jahren unter der Schirmherrschaft von Königin Beatrix und des Bundespräsidenten restauriert. Im überaus beeindruckenden Sommerspeisesaal dürften sich Henriettes Gäste niemals gelangweilt haben: die Wände sind mit großen blau bemalten Fliesen bekleidet, auf denen biblische und klassische Szenen dargestellt sind. So wurde Schloss Oranienbaum durch den Baustil, die Ausstattung, die Gärten und die Umgebung zu einem Stückchen Holland im Osten Deutschlands.

1708 starb Fürstin Henriette in ihrem geliebten Oranienbaum. 22 Tage nach ihrem Tod wurde der Leichnam in einem nächtlichen, sechs Stunden dauernden feierlichen Trauerzug in die anhaltinische Hauptstadt Dessau überführt, wo er in der Fürstengruft beigesetzt wurde. Bei den alliierten Luftangriffen auf Dessau 1945 ist ihr Sarg verlorengegangen.

Reinildis van Ditzhuyzen, Juli 2016

Literatur

  • Katharina Bechler: Schloss Oranienbaum, Architektur und Kunstpolitik der Oranierinnen in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, Halle 2002
  • Dutch Design – Huis van Oranje (Dutch Design – Haus Oranien), Ausstellungskatalog, Oranienbaum 2012
  • Kulturbund Oranienbaum, Arbeitskreis Geschichte Oranienbaums (Hrsg.): Europa, Anhalt und Oranienbaum, Oranienbaum 2008
  • Simon Groenveld: »Kopiëren voor Oranje. Henriette Catharina van Anhalt-Dessau, geboren prinses van Oranje, en haar opdrachten voor kopiëren van portretten, 1661–1676« (Kopieren für Oranien. Henriette Catharina von Anhalt-Dessau, geborene Prinzessin von Oranien, und ihre Aufträge zum Kopieren von Porträts, 1661–1676), in: Jaarboek Oranje-Nassau 2015 (Jahrbuch Oranien-Nassau 2015), S. 60–79
  • Horst Lademacher (Hrsg.): Onder den Oranjeboom. Niederländische Kunst und Kultur im 17. und 18. Jahrhundert an deutschen Fürstenhöfen, 2 Bände, München 1999
  • Ingo Pfeifer und Wolfgang Savelsberg (Hrsg.): Oranienbaum, Huis van Oranje. Wiedererweckung eines anhaltischen Fürstenschlosses. Oranische Bildnisse aus fünf Jahrhunderten, Ausstellungskatalog Oranienbaum, Dessau-Wörlitz 2003
  • Hartmut Ross: Eine Kleinstadt in Europa. Oranienbaum/Anhalt, Oranienbaum 2008
  • Wolfgang Savelsberg: »Henriette Catharina und Albertine Agnes. Eine Schwesternkoalition zur Bewahrung oranischer Interessen«, in: Simon Groenveld, Friedhelm Jürgensmeier: Nassau-Diez und die Niederlande, Wiesbaden 2012
  • Wil Tiemes: »Henriette Catharina van Oranje«, (Digitales Frauenlexikon der Niederlande)
    http://resources.huygens.knaw.nl/vrouwenlexicon/lemmata/data/hcnassau
Johann Georg II. von Anhalt-Dessau in seinem Prunkharnisch (Adriaen Hanneman 1666)
Abbildung: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:John_George_II,_Prince_of_Anhalt-Dessau.jpg

Johann Georg II. von Anhalt-Dessau in seinem Prunkharnisch (Adriaen Hanneman 1666)

Oranienbaum Marktplatz
Abbildung: ©M_H.DE / https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Oranienbaum,_Marktplatz.jpg

Der historische Marktplatz von Oranienbaum (im Hintergrund das gleichnamige Schloss) mit dem schmiedeeisernen Orangenbaum, den Henriette hier aufstellen ließ.